Globalisierung findet statt

„Globalisation Happens“; at&s display, The International AT&S Magazine, Issue 02 2008, S 3f

 

Globalisierung – viel diskutiert, vielerorts kritisiert. Steigt man in die laufenden Diskussionen ein, dann geht es meist um den exponierenden Weltmarkt, die Globalisierung der Finanzmärkte oder den Fortgang der Umweltdiskussion. Martin Stieger betrachtet Globalisierung einmal unter einem etwas anderem Gesichtspunkt, nämlich jenem der Makro-, Meso- und Mikroebene.

Display: Unter Globalisierung versteht man den Prozess der zunehmenden internationalen Verflechtung in allen Bereichen. Was sind für Sie die wesentlichen Indikatoren der Globalisierung?

Stieger: Das Ausmaß der Globalisierung ist sowohl auf der Makro, Meso- als auch Mikroebene deutlich zu spüren. So ist auf der Makroebene die Explosion der Weltmärkte zu beobachten. Während sich der Welthandel nach dem 2. Weltkrieg fast verdreißigfacht hat, hat sich die Güterproduktion nur verachtfacht. Dass die Globalisierung ein Steuerungsproblem der Nationalstaaten ist, wird besonders augenscheinlich, wenn wir die Mesoebene betrachten. Die Staaten können mit ihrer Politik die internationalen Entwicklungen kaum mehr beeinflussen. Das was sich auf der Makroebene abspielt, schlägt sich bis auf die Mikroebene durch. Ein klassisches Beispiel ist die Subprime-Krise, die auch der kleine Kreditnehmer spürt.

Display: Globalisierung ist ein in den letzten 10 Jahren viel diskutierter Begriff. In seinem Buch „Die Globalisierungsfalle“ ging Hans-Peter Martin 1996 als einer der ersten Autoren sehr kontrovers auf dieses Thema ein. Haben seitdem die internationalen Verflechtungen weiter zugenommen?

Stieger: Zweifellos, ich durfte mit Hans-Peter Martin dieses Thema einmal persönlich diskutieren. Der Begriff der Globalisierung ist ja älter, wird aber im deutsprachigen Raum ab den 90er Jahren viel diskutiert. Es ist schwierig, das Phänomen Globalisierung überhaupt einzugrenzen, aber dieses dauert sicher schon 50 Jahre an und ist dabei immer spürbarer geworden. So hat die Globalisierung sowohl an Geschwindigkeit als auch an Komplexität gewonnen. Natürlich nehmen die internationalen Verflechtungen zu und dies ist sowohl für Unternehmen als auch für jeden einzelnen von uns deutlich zu spüren.

Display: Welche Chancen und Risiken erwachsen für Unternehmen aus der Globalisierung?

Stieger: Für Unternehmen stellt es immer ein gewisses Risiko dar, wenn sie sich in Rechtssystemen bewegen, die nicht so gut entwickelt sind, wie das unsere. Wie kann ich mein Know-how/meine Investition schützen? Doch wenn man sich heutzutage die Opportunitätskosten ansieht, dann bleibt vielen Unternehmen gar keine andere Wahl. Eine Möglichkeit ist es, tragfähige Netzwerke zu bilden. Viele österreichische Klein- und Mittelbetriebe haben die Chancen bereits erkannt und nutzen diese auch. So ist beispielsweise eine Firma aus einer kleinen Gemeinde in Oberösterreich Marktführer in Indien im Segment der Führerscheinausbildung.

Schließlich muss jeder Unternehmer unternehmerisches Risiko tragen. Genau wie Schumpeters Unterscheidung zwischen dem schöpferischen Unternehmer und jenem, der nur Gewinne verwaltet. Dem schöpferischen/innovativen Unternehmer gehört die Welt und er ist solange Monopolist, solange er nicht kopiert wird. Dazu müssen wir unsere Leute ausbilden, damit sie die richtige Balance zwischen Risikobereitschaft und unternehmerischer Vorsicht finden.

Display: Warum führt der Prozess der Globalisierung zu Regionalisierung und regionalen Wirtschaftsräumen (u.a. EU, NAFTA, APEC, ASEAN)?

Stieger: Sind die Nationalstaaten nicht mehr in der Lage, die Probleme, welche die Globalisierung mit sich bringt, selbst zu lösen, dann ist die Zusammenfassung in Regionen die logische Antwort. So auch die einhellige Meinung der UNO-Konferenz vom Juli 2007. Meiner Meinung nach, gibt es zwei Lösungswege: einerseits internationale Vereinigungen als Antwort auf globale Probleme, gleichzeitig aber auch auf der Mikroebene neue soziale Netzwerke oder neue politische Akteure die den sub-politischen Raum betreten.

Display: Bringt die Globalisierung Ihrer Meinung nach mehr Vorteile als Nachteile? Welchen Preis müssen wir für die Globalisierung bezahlen?

Stieger: Globalisierung ist oft zu einem Schreckenswort geworden, aber ich denke, dass wir Chancen und Risken gleichermaßen sehen müssen. So zähle ich Österreich eindeutig zu den Globalisierungsgewinnern. Denn ohne die Möglichkeit unsere Waren- und Dienstleistungen weltweit anzubieten, wäre dieser Aufschwung, der Österreich unter die 10 reichsten Länder der Welt gebracht hat, nie möglich gewesen. Exporte helfen uns auch, unsere Arbeitsplätze abzusichern. Natürlich gibt es auch einen Preis, den man dafür bezahlen muss. So müssen wir uns dem internationalen Wettbewerb ganz anders stellen, wird es in 10 Jahren afrikanische Mitbewerber im Arbeitsmarkt ebenso geben wie heute polnische. Diese österreichische Gemütlichkeit, wie wir sie heute kennen, wird es vielleicht in dem Ausmaß nicht mehr geben.

Display: Neben der politischen Entscheidung zur Liberalisierung des Welthandels gilt die digitale Revolution als eine der wesentlichen Ursachen der Globalisierung. Hätte die Globalisierung ohne den technischen Fortschritt überhaupt stattgefunden?

Stieger: Nein, denn die Entwicklung der Kommunikations- und Informationstechnologie hat die Globalisierung überhaupt erst ermöglicht. So hat man vor 10 bis 15 Jahren die Mitnahme von Zigaretten und Wein rationiert und Zöllner zur Überwachung an den Grenzen postiert. Und in dem Moment, wo sich der Zöllner übers Auto bückt und nachsieht, ob kein Wein mitgebracht wurde, gehen Milliarden Werte über das Internet. Das kann man nicht aufhalten und schon gar nicht mit Zöllner.

In unserer Gesellschaft vollzieht sich ein unglaublicher Wandel, wenn es uns gelingt neben Waren auch Dienstleistungen und Informationstechnologie zu verkaufen. Die drei Fragen, die sich in einer Volkswirtschaft stellen sind immer: Was soll produziert werden, wie soll produziert werden und für wen soll produziert werden? Sand kommt in fast jeder Volkswirtschaft vor. Man kann nun eine Sandburg bauen, sagen, das ist Schönbrunn und Eintritt verlangen, oder man kann das im Sand vorhandene Silitium für Computerchips verwenden. Wie Schumpeter schon vorhergesehen hat, wenn der schöpferische, innovative Unternehmer die Informations- und Kommunikationstechnologien, die für mich Basis der Globalisierung sind, nutzt, dann haben wir gewonnen.

Display: Parallel zur Globalisierung ist auch der Aufschwung von ehemaligen Entwicklungsländern wie Indien oder China zu betrachten. Wie rasch holen diese gegenüber den fortgeschrittenen Volkswirtschaften auf?

Stieger: Diese Volkswirtschaften holen mit atemberaubendem Tempo auf. Die BRIC-Staaten (Brasilien, Russland, Indien und China) zählen heute bereits zu den 10 größten Volkswirtschaften der Welt und weisen dabei sehr hohe Wachstumsraten auf. So wachsen Volkswirtschaften wie Amerika, Japan oder Europa vielleicht mit 2 % bis 3 %, China hingegen mit 10 %. D.h. die chinesische Volkswirtschaft verdoppelt sich alle 7 Jahre, die japanische nur alle 35 Jahre und die europäische vielleicht alle 30 Jahre. Somit werden die Wirtschaftsräume Europa, Nordamerika und China voraussichtlich bereits im Jahr 2020 gleich stark sein. Natürlich ist ein solch starkes Wirtschaftswachstum auch mit Gefahr verbunden. Schon Schumpeter hat die größte Gefahr des Kapitalismus darin gesehen, dass er sich selber umbringen wird, aber nicht, weil er sich mit den Arbeitern nicht aussöhnt, sondern weil er nachhaltig die Ressourcen zerstört. Bereits heute ist auf den Weltrohstoffmärkten spürbar, dass der wachsende Energie- und Rohstoffhunger zu steigenden Weltmarktpreisen führt.

Display: In vielen Ländern Afrikas und Lateinamerikas, die sich in den 70er und 80er Jahren abgeschottet haben, stagniert dagegen das Wachstum. Warum? Wie können die ärmsten Länder schneller aufholen?

Stieger: Wenn man bedenkt, dass der schwarze Kontinent Afrika eine Wirtschaftsleistung hatte, die – in absoluten Zahlen gerechnet – nur dreimal größer war als jene des kleinen Österreichs, dann ist das erbärmlich. Der Grund liegt darin, dass es in diesen Ländern keine entwickelten Demokratien gibt, dass die Eliten die Gesellschaften ausplündern und die Spaltung zwischen Arm und Reich stark spürbar ist. D.h. man wird sich mit Hilfe internationaler Organisationen bemühen müssen, die Institutionen in diesen Ländern zu verändern und Korruption zu bekämpfen. Hier gibt es auch schon private Initiativen, z.B. so eine Art Wirtschaftspreis für Staatsmänner, die sich während ihrer Amtsperiode nicht bereichern, und wenn sie friedlich abtanken, von einem Mäzen eine schöne Pension in Millionenhöhe bekommen. Es wird allerdings ein langwieriger Prozess sein, die Rahmenbedingungen zu verändern. Schneller aufholen werden nur jene Länder, in denen sich neue Rohstoffe finden, wie z.B. die Erdölvorkommen in Ghana. Hier gilt es, den Wettbewerb der Industriemächte für sich zu nutzen.

Display: Wie lassen sich ökonomische Krisen, Kriegsgefahr und der Kampf um Ressourcen politisch bändigen? Welche Organisation kann hier eingreifen?

Stieger: Einerseits werden dies bereits vorhandene Institutionen, wie die UNO oder die Weltbank sein. Die Weltbank, die lange als verlängerter Arm der Industriestaaten gesehen wurde, hat den veränderten Rahmenbedingungen bereits Rechnung getragen. Ein interessantes Beispiel hierzu gibt es in Mexiko. Dort wird das Haushaltseinkommen durch die Weltbank verdoppelt, wenn Frauen, die als Sozialkapital der Zukunft erkannt wurden, gewissen, ihnen zugeschriebene Aufgaben erfüllen. Dazu zählt unter anderen für die Ausbildung der Kinder Sorge zu tragen.

Andererseits werden neben den Strukturen der Nationalstaaten und den internationalen Gemeinschaften neue Strukturen heranwachsen. Insbesondere ist mit einem deutlichen Anstieg der Non-governmental Organizations zu rechnen. Diese müssen sich – ähnlich wie die Nationalstaaten – wenn sie auf der Mesoebene nicht mehr zurande kommen, international vernetzen. Wenn man dazu noch die Chancen der Globalisierung im Bereich der Medien nutzt, dann hat man die Möglichkeit, die Menschen zu bewegen. Denn ohne Fernsehen wären Initiativen wie Nachbar in Not in dem Ausmaß nie möglich gewesen.

Display: Würden Sie am Ende für unsere Leser noch einen kurzen Blick in die Zukunft werfen?

Stieger: Unsere Gesellschaft befindet sich im Umbruch. Man denke nur an die schrumpfende und alternde Bevölkerung in Europa. Bei 1,3 Kindern pro Frau werden uns bereits im Jahr 2040 die arbeitsfähigen Jungen ausgehen. Hier bietet die Globalisierung auch eine Chance, denn ohne türkische Immigranten wird in Europa künftig nichts mehr gehen. Diesem Problem verschließt sich unsere Politik jedoch.

Zusammenfassend gilt, dass wir die Globalisierung vielleicht leugnen oder uns abschotten können, aber wir können sie nicht verhindern. Mein Credo ist deshalb, wenn wir uns ihr stellen, dann können wir auch die Chancen nützen.

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